Wer kennt schon diesen Berg. Ich hatte ihn mit Dieter anlässlich einer Skitour in der Gegend, vom Wirtshaus am Gegenhang aus, entdeckt: Ein schönes Kar mit unklarem Zugang. Wir haben die Tour ausprobiert und für schön empfunden. Allerdings war der Zustieg durch engen Fichtenwald nicht so günstig und noch schlechter zum Abfahren. Die Auswahl einer Tour fürs Vereinsprogramm ist nicht leicht. Sie sollte etwas anspruchsvoll, nicht alltäglich und möglichst sicher bis Stufe 3 nach Lawinenlagebericht sein; ich möchte schon etwas besonderes anbieten. Ich suche mit dem Fernglas von gegenüber eine bessere Möglichkeit und finde einen besseren Zugang zum Kar. Mit einem fiktivem Datum setze ich das Angebot ins Programm. Wer wird sich melden? Bestimmt gibt es unter 2000 Mitgliedern einige gute Skifahrer; die Teilneh- merzahl ist auf 4 Pers. beschränkt. Ich bekomme 2 Anmeldungen und mache noch Eigenwerbung. Ich rufe Walter Mayer an, ein Freund seit 1975 und spreche Thomas Rami, meinen Nachbarn an – sie kommen mit. Dieter Becker hat noch Schonzeit mit seiner neuen Hüfte. Wir treffen uns bei Rinnen hinter Berwang; die Schneelage ist ausreichend. Eine perfekte Gruppe ist unterwegs: ein Forstwirt, ein Schreiner, ein Heizungsbauer, ein Glaser und ein Architekt – wir könnten ein Haus bauen. Aber noch wichtiger: alle sind hervorragende Skifahrer. Es macht Spaß mit so guten Leuten unterwegs zu sein. Das erste Stück im unbekannten Gelände darf ich vorspuren; dann übernimmt immer einer unaufgefordert die Spurarbeit. Eine kurze Querung vom bewaldeten Rücken führt zum Auslauf des Kars. Der Bach, den ich bei meiner Erkundungstour noch zu Fuß überqueren musste, war mittlerweile so gut eingeschneit, dass wir in der steilen Rinne gut ansteigen konnten. Doch was sehen wir? Eine andere Aufstiegsspur kommt von links, wo ich mit Dieter letztes Mal angestiegen war. Bei Erreichen des Karbodens sehen wir 3 Bergsteiger eine halbe Stunde über uns im schönen weißen Kar. Von den Felswänden oberhalb sind Schneerutsche abge- gangen, die einige Schneebretter ausgelöst hatten, deren Schollen wieder mit gut 20 cm Neuschnee bedeckt waren. Weiter oben folgten wir für ein paar Kehren unseren Vorgängern und querten dann nach rechts aus der Steilmulde. Hier gingen wir einzeln mit großem Abstand, da der Hang im Lee der Gratrippe eingeweht war. Auf dem Rücken stiegen wir in interessanter Linienführung zwischen den hart ausgeblasenen Sastrugis bis knapp unter die Gipfelfelsen.„Ihr seid mir nette Kameraden“ sagte ich, sie ließen mich bis hierher nicht mehr vorspuren. Noch 50 Hm trennten uns von der Sonne. Sepp stieg schon dem Gipfel zu; ich holte ihn an der Abbruchkante eines Schneebretts ein. Sie war schwierig sie zu überwinden. Er drehte um. „Zu schwierig, potentiell gefährlich!“ Ich wühlte im hüfthohen Schnee senkrecht weiter, zog mich an Felsvorsprüngen hoch, versuchte sie seitlich zu überwinden. Nach 30 Streckenmetern musste ich vor einer gefährlichen Querung aufgeben. Der steile Schnee brach zwanzig Meter unter mir über eine 15 m hohe Felsstufe ab. Vorsichtig stieg ich zurück. Bei meinen Freunden beklagte ich mich über die mangelnde Einsatzbereitschaft und Unter- stützung für den Versuch den Gipfel zu erreichen. Sepp ganz cool:“Dummheit derf ma net untastützn!“. Heruntergeholt von meiner Begeisterung kaute ich still mein belegtes Brot. Hier saßen auch die anderen Bergsteiger. „Wie seid Ihr auf diese Tour gekommen?“ fragte ich sie. „Der Fritz hats in so am schlaun Biacherl gseng“ Das schlaue Biacherl war der neueste Lechtal- Skiführer von Dieter Elsner, der diese Tour in die neueste Ausgabe aufgenommen hatte. Es kommt halt durch die vielen Veröffentlichungen immer mehr zu einer Inflation einsamer Touren. Schuhe, Bindung zu, auf geht’s! Über den gestuften Gratrücken schwangen wir, mit Sprüngen über die Steilstufen hinab. Im Gegenlicht stiebte der Schnee wie in Fanck´s Arlbergfilmen. Thomas und Walter wedelten noch weiter hinunter durch die Latschen; wir fuhren in die Steilmulde des Kars ein, wo wir aufgestiegen waren. Leider war der Untergrund wegen der alten Lawinenknödel etwas unruhig. Wie ein Überfallkommando stachen Walter und Thomas von der Seite zu uns herab. Mit den Beiden schwebte ich noch über einige steile Buckel zur Bachrinne hinunter, von wo aus die kurze Querung zur Waldschneise hinüber führt. Ich hatte den drei anderen auch diese Route empfohlen. Trotz ihrer Spuren konnten wir noch individuell den Holzplatz erreichen, eine kurze Flachstelle, von der es in heiterer Fahrt durch den Hochwald auf einen Forstweg und eine weitere Gasse zu einem Stockhang direkt zum Auto hinunterging. Glückliche Gesichter bestätigten mir die richtige Tourauswahl, und ich hatte den Genuss mit solch hochkarätigen Skifahrern unterwegs zu sein. Heinz O.