Vor Jahren habe ich mal einen Zeitungsartikel entdeckt und herausgerissen: „Eine Biwaknacht auf der Soiernspitze“. Auf dieser wunderschön geformten Pyramide den Sonnenunter- und -aufgang erleben, das muss toll sein! Seitdem warte ich auf das optimale Wetter. Am Ende des heißen Sommers 2015 war es soweit: Ein strahlendes Wochenende stand bevor, heiß, wolkenlos, ohne Regen oder Gewitter, und Vollmond war auch noch.

Torben und ich sind am Samstag Nachmittag am Schießstand zwischen Krün und Mittenwald losmarschiert, frisch gestärkt mit einem riesen Windbeutel vom Café Kranzbach. Der große Rucksack hatte über 15 kg – pro Person – mussten doch der warme Schlafsack, Biwaksack, Isomatte, Wechselklamotten und vor allem Essen und Getränke bis zum nächsten Vormittag mitgenommen werden.

Auf dem Jägersteig, einem schönen schattigen Pfad entlang des Seinsbachs, sind wir in 2,5 Stunden leicht bergan bis zur bewirtschafteten Fereinalm gelaufen. Von dort geht es 800 Hm steil bergauf: erst durch Latschenfelder, dann über alpines Gelände, nicht schwierig, aber ein bisschen Trittsicherheit, vor allem mit dem schweren Gepäck, erfordert es schon. Die Sonne hat sich inzwischen schon weit gesenkt und die Berge werden in warmes Orange getaucht, Zeit, die Kamera zu zücken. Es begegnet uns keine Menschenseele mehr, aber nicht weit vom Wegesrand grasen die Gämse, weiter unten in einer Mulde steht ein ganzes Rudel.

Als wir kurz nach 20 Uhr am Gipfel ankommen, geht die Sonne unter und der Vollmond taucht auf. Was für ein gigantischer Blick! Nach Sonnenuntergang schimmern die Berge im kühlen, milchigen Mondlicht. Wir suchen uns schnell eine passende Mulde und bauen unser Biwakbett für die Nacht auf. Anschließend richten wir unter dem Kreuz unsere „Küche“ ein - es gibt frisch gekochte Nudeln mit Tomatensoße und eine gute Flasche italienischen Rotwein. Ja, wer den „Luxus“ liebt, muss halt schleppen.

Gegen 23 Uhr kuscheln wir uns in unsere warmen Schlafsäcke, in Erwartung einer ziemlich kalten Nacht. Das Thermometer sank aber nicht unter 11 Grad und die Luft war so trocken, dass der Biwaksack weder innen noch außen nass wurde. Der Sternenhimmel erstreckte sich über uns und der Vollmond machte die Stirnlampe unnötig. Die Soiernspitze liegt so abseits, dass kein Geräusch mehr zu hören war, keine entfernten Autos, keine Stimmen aus Hütten, völlige Stille.

Am nächsten Morgen um 5.30 Uhr hat die aufgehende Sonne Berge und Himmel wieder zum Glühen gebracht . Wir erlebten einen traumhaften Sonnenaufgang mit Rundumblick auf die Voralpen, Wetterstein, Karwendel und was sich dann dahinter noch so alles erstreckt. Nach einem starken Kaffee aus dem italienischen Espressokocher und einer großen Schüssel Müsli haben wir unsere Sachen gepackt. Die ersten Gipfelstürmer von den umliegenden Hütten sind gegen halb zehn am Gipfel angekommen.

Wir steigen über die reißende Lahnspitze und dann durch ein Schotterfeld und auf schmalen Pfaden Richtung Soiernseen ab. Die Sonne scheint schon wieder so kräftig, dass wir uns dort ein kühles Bad gönnen wollen. Aber der Uferbereich ist so rutschig und von Schlingpflanzen durchsetzt, dass wir nach einer schnellen Erfrischung das Baden aufgeben. Beim Weitergehen sehen wir, dass das gegenüberliegende Ufer beim unteren Soiernhaus viel geeigneter gewesen wäre.

Nach einer kurzen Stärkung im Soiernhaus treten wir den extrem langen Hatsch über die Fischbachalm und einmal rund um das Soiernmassiv Richtung Parkplatz an. Die Sonne brennt sich unbarmherzig auf dem Fahrweg ein und der Rucksack wird immer schwerer, obwohl Getränke und Essen fast komplett verbraucht sind. Wer trittsicher und schwindelfrei ist, sollte statt dem Fahrweg lieber den Lakaiensteig wählen, oder vielleicht noch besser die Überschreitung des Schöttelkars in Betracht ziehen. Mit dem schweren Gepäck wollten wir uns jedoch den Balanceakt nicht antun.

Auch wenn der Rückweg sehr kräftezehrend war – die Übernachtung auf der Soiernspitze war ein tolle Erlebnis, das wir nicht missen wollen!